Kojotentabak

Rauminstallation

2021

„Kojotentabak“ ist eine Präsentation des Zwischenstands meiner künstlerischen Forschung über die Tabakpflanze Nicotiana attenuata. Diese entstand aus der Zusammenarbeit mit der Wissenschaftlerin Pooja Snehrashmi vom Max Planck Institut für chemische Ökologie in Jena. Die Zusammenarbeit fand im Rahmen der Supporting Artists Residency „Entstehung einer künstlerischen Tatsache“ statt.

Pooja Snehrashmi untersucht das Mikrobiom an der Wurzel von N. attenuata und wie die Pflanze dieses durch chemische Signale generiert. N. attenuata, auch Kojotentabak genannt, spannt ein ganzes Netz an faszinierenden Beziehungen: zu Raupen und Faltern, Kolibris, dem Feuer und zu den indigenen Bewohner*innender der USA, für die Tabak eine heilige Pflanze ist. Auch in der naturwissenschaftliche Forschung wird die Intelligenz der Pflanze immer evidenter

Mit Pflanzen aus dem Gewächshaus im Max-Planck-Institut versuche ich, im Ausstellungsraum Tabak herzustellen und damit einen Raum für die vielfältigen Verbindungen ausgehend von N. attenuata zu schaffen. Zeichnungen und Recherchematerial bilden ein Display, welches Bezüge zwischen Natur und Kultur, Vergangenheit und Gegenwart und Wissenschaft und indigenem Wissen herstellt. Durch das halbtransparente Papier werden die Überlagerungen von Geschichte und kolonialen Kontinuitäten sichtbar. Die Zeichnungen darunter ergänzen das komplexen Netz des Miteinander Lebens, in dem menschlichen und mehr-als-menschlichen Akteur*innen unabdingbar miteinander verknüpft sind.

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a kind of relationship that belongs to that ambiguous region

„It would seem that without being able to think about vulnerability, we cannot think about resistance, and that by thinking about resistance, we are already underway, dismantling the resistance to vulnerability in order precisely to resist.“ (Judith Butler).

Ausgehend von dieser These beginnt die Nachforschung. In fünf Interviews werden Fragen nach Gefühl und Handlungsmacht, nach Körper und Erfahrung, nach Empfänglichkeit und Interdependenz umkreist und die Bedingungen von Vulnerabilität, Stärke und Widerstand ausgelotet. Ausgehend von einer gemeinsamen queer-feministischen Perspektive untersuchen die Interviews auf sehr persönliche Weise verschiedene Auseinandersetzungen mit Verletzlichkeit. Dazwischen ein zerschmetterter Diamant-Schädel, der Stück für Stück sorgsam wieder zusammengesetzt wird, mit Goldstaub verklebt – Kintsugi, die Schönheit des Zerbrechlichen.

So entsteht ein experimenteller, intimer Dokumentarfilm (01:05:58) jenseits von Zuschreibungen und Schubladen. Dieser war als Teil einer Installation in der Ausstellung „Verletzbare Subjekte“ im ZAK, Zitadelle Spandau in Berlin zu sehen.

In einem zweiten partizipativen Teil der Installation wird die Frage weitergegeben an die/den Besuchenden_n. Eine Möglichkeit zum Innehalten, zur Selbstbefragung. Rollentausch. Etwas preisgeben, etwas dalassen. How does it feel?

https://vimeo.com/522304240

 

Verbrecher-Typen

Die Arbeit „Verbrecher-Typen“ befasst sich mit Wachsmasken, die der Mediziner und Psychiater Cesare Lombroso herstellte. Dieser Vertreter der Kriminalanthropolgie im ausgehenden 19. Jahrhundert erfand die Theorie des „geborenen Verbrechers“, erkennbar an seiner Physiognomie. Lombroso nahm Wachsmasken von hingerichteten Gefängnissinsassen ab, und benutzte deren Schädel, um seine Typisierungen in verschiedene „Verbrecher-Typen“ phrenologisch zu belegen. Hier ziehen wir eine Analogie zu der späteren historischen Entwicklung, der Eugenik, und den Kategorisierungen in „lebenswertes und unwertes Leben“ im Dritten Reich. Als Symbol dafür stehen die Grauen Busse, mit denen die Opfer der „Krankenmorde“ (z.B. bei der Aktion T4) zu den Tötungsanstalten gebracht wurden.

Vor die Wachsabformungen sind nun mit assoziativen Zitaten und einer Bildcollage bedruckte Vorhänge aus halbtransparentem Stoff gespannt. Durch diese können die Masken noch erahnt, jedoch nicht mehr direkt betrachtet werden.

Kubai – Doll of the World

Für die Ausstellung Rassismus – Die Erfindung von Menschenrassen habe ich zusammen mit Karoline Schneider eine künstlerische Intervention zu zwei Objektgruppen gemacht. Bei den „Objekten“ handelt es sich um sogenannte sensible Objekte, also z.B. „lebensechte“ Nachformungen von Menschen („Kubai“) oder Abformungen von Toten („Verbrecher- Typen“), die ohne deren Einwilligung her- und zur Schau gestellt wurden. Um eine Wiederholung dieses zur Schaustellens der Figurinen und Masken zu vermeiden, erarbeiteten wir ein Konzept zur Kontextualisierung. Dabei ist unser Anliegen, dass die koloniale Geschichte des Zeigens und Schauens reflektiert wird und die Betrachterin durch eine Irritation gewohnten Perzeptionsmuster auf die Gewaltförmigkeit und Problematik des Ausstellens „des Anderen“ aufmerksam wird. Für die Figurine „Kubai“, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch die deutsche Firma Umlauff hergestellt wurde, gestalteten wir eine knallpinke Vitrine. Das Design lehnt sich an die Barbie-Serie „Dolls of the World“ an. Die Firma Umlauff stellte Wachs-Figurinen für Völkerkundemuseen her, um die damaligen, pseudo-wissenschaftlichen Vorstellungen von „Völkertypen“ zu illustrieren. Besonders stolz war sie auf die „Lebensechtheit“ dieser Figurinen. Auf die Kontinuitäten dieses stereotypisierenden, exotisierenden und eurozentristischen Denkens wollen wir mit der „Barbie“-Vitrine aufmerksam machen. Durch die Beleuchtung wird der Blick der Betrachtenden weg von der Figurine hin zur Vitrine gelenkt. Auf den drei Seiten der Vitrine wird über die Geschichte der „Kubai“-Figurine so wie der Firma Umlauff und deren koloniale Implikationen informiert.

Mitteilungen aus dem Deutschen Schutzgebiet

Vitrine mit Masken, Projektion (loop), Bronzebüste, Texttafeln, Angelschnur, Sound (loop)

Karl Weule (1864-1926, Geograph, Ethnologe), früherer Direktor des GRASSI Museums für Völkerkunde, wird vom Akteur zum Exponat indem seine gewöhnlich im Treppenaufgang stehende Büste vom Sockel geholt und in einer Vitrine platziert wird. Hier befindet sie sich gegenüber den auf Weules Ostafrika-Expedition gesammelten Makonde-Masken – der „Sammler“ und „seine Sammlung“ werden zueinander in Beziehung gesetzt. Ein verzerrter preussischer Marsch untermalt geisterhaft die Gegenüberstellung. In Weules Vitrine befinden sich sowohl Erklärungstäfelchen aus dem Display des ethnologischen Museums als auch, in Mimikry des Dauerausstellungs-Designs, Zitate aus seinem Werk „Mitteilungen aus dem Deutschen Schutzgebiet“. In den Aussagen werden Aspekte der ethnologischer Forschung sichtbar, die gewöhnlich lieber verschwiegen werden, da sie nicht in das Bild des korrekten, heroischen Forschers passen. Zitate wie „Schon aus rein kolonialwirtschaftlichen Gründen müssen wir uns mit der materiellen Natur des N. befassen.“ lassen die enge Verknüpfung aus Rassismus, ökonomischen Interessen und Wissenschaft erkennbar werden. Auf der anderen Seite werden die Makonde-Masken von vermessenden Mustern überzogen, die sich langsam in Fadenkreuze verwandeln. Gleichzeitig scheint eine Lebendigkeit der Masken auf, die auch das Ausstellen hinter Glas nicht nehmen kann.

Exemplarisch werden hier „Erforschung“, Vermessung, Objektifizierung, Kategorisierung einer „fremden Welt“ als Strategien der Machtausübung und der kapitalistischen Gier erkennbar.

https://vimeo.com/155329429